Mindestlohn-Regelung als Belastungsprobe für den Naturschutz

Martin Kremer sieht die Mindestlohnregelungen in Bezug auf das Heranführen von Praktikanten an das Berufsleben kritisch. Viele Jahre haben Gewerkschaften und Parteien um den Mindestlohn gerungen. Nun wird er ab 1. Januar 2015 in Deutschland für alle Branchen eingeführt. Dann gilt flächendeckend ein gesetzlicher Mindeststundenlohn von 8,50 €, festgelegt im Gesetz zur Stärkung der Tarifautonomie. Für die Bundesregierung ist das Gesetz ein Akt der sozialen Gerechtigkeit und ein Meilenstein der Arbeits- und Sozialpolitik.

Ausnahmeregelungen gibt es kaum und so sind auch Praktikanten künftig betroffen. Der allgemeine gesetzliche Mindestlohn gilt ab dem 18. Geburtstag oder bereits früher, wenn eine Berufsausbildung abgeschlossen wurde. Für Orientierungspraktika, die vor oder während einer Ausbildung oder eines Studiums geleistet werden, gilt, dass diese nur für die Dauer von maximal drei Monaten vom Mindestlohn ausgenommen sind. Lediglich verbindliche Pflichtpraktika in Ausbildung oder Studium dürfen länger als drei Monate dauern. Ziel der Regelung ist, so Bundesarbeitsministerin Nahles, das Zeitalter der „Generation Praktikum“ zu beenden.

Soweit, so gut! Gerade in naturschutznahen Bereichen, aber auch im sozialen Bereich, sorgt diese Regelung für erhebliche Einschränkungen und nicht unbedingt für eine Verbesserung der Lage der Studenten.

Ein Beispiel ist der Verein Natur- und Lebensraum Rhön e. V., Förderverein für das Biosphärenreservat Rhön im hessischen Teil des Mittelgebirges. Seit über 20 Jahren bietet der Verein Studierenden die Möglichkeit, im Rahmen eines Praktikums ein Praxissemester im Biosphärenreservat zu absolvieren. Dank eines Sponsorings der Commerzbank konnten den Praktikanten oft auch monatliche Aufwandsentschädigungen von rund 500 € gezahlt werden. Dank der Vergütung war das Praktikum hoch begehrt und über 20 Bewerbungen auf eine Praktikastelle keine Seltenheit.

Sechsmonatige Praktika haben sich als ideal herausgestellt, um Studierenden fundierte Kenntnisse über Zielsetzungen, Projekte, Strategien, Finanzierungen und das Zusammenspiel von Förderverein, Verwaltung und Politik zu vermitteln. Praktikanten erhalten so tiefgreifende Einblicke in das Tagesgeschäft, nehmen an Besprechungen, Gremienarbeit und Außendiensten teil. Dies bedeutet Aufwand und ein Ernstnehmen der Studierenden. Daneben bietet ein längerfristiges Praktikum auch immer die Möglichkeit, dass die Studierenden eigene, abgeschlossene Projekte, wie z. B. die Erarbeitung einer Ausstellung oder eines Konzeptes übernehmen. Dabei werden mit den Praktikanten die selbstständig zu bearbeitenden Projekte detailliert abgesprochen und auf die Erfordernisse des Studiums abgestellt. Für die Studierenden waren diese Praktika immer verbunden mit beruflicher Praxiserfahrung und einer gehörigen Portion Lebenserfahrung. Die Rückmeldungen der Praktikanten belegen, dass die sechsmonatigen Praktika für die eigene berufliche Ausrichtung von unermesslichem Wert waren. Häufig haben die Studierenden in der Folge bei ihren wissenschaftlichen Abschlussarbeiten Themen des Biosphärenreservats aufgegriffen und ihre Erfahrungen verarbeitet.
Künftig werden solche halbjährigen Praktikumszeiträume beim Verein und bei vielen anderen Naturschutzeinrichtungen weitgehend der Vergangenheit angehören, denn die Zahlung von Mindestlöhnen für Praktikanten können sich weder der ehrenamtliche Naturschutz noch die Naturschutzverwaltungen leisten. Damit wird die Praktikumsdauer auf drei Monate beschränkt. Studienordnungen mit über die drei Monate hinausgehenden Pflichtpraktika gibt es im Umweltbereich kaum noch.

Damit hat der Mindestlohn auch Auswirkungen auf viele Naturschutzinformationenzentren und Umweltbildungseinrichtungen. In nahezu allen deutschen Großschutzgebieten werden solche Infozentren betrieben, die insbesondere in der Sommersaison auf die Unterstützung von Praktikanten angewiesen sind. Bei der Betreuertagung der Umweltpraktikanten, zu der die Commerzbank als Sponsor in den Taunus eingeladen hatte, wurde deutlich, dass von den anwesenden 25 Vertretern Nationaler Naturlandschaften, von Nationalparken über Biosphärenreservate bis Naturparke, der überwiegende Teil von einer erheblichen Verschlechterung der Bildungsangebote ausgeht. Dabei handelt es sich überwiegend um öffentliche, von den Ländern finanzierte Einrichtungen. Niemand erwartet ernsthaft, dass die Länder auf Grund der Bundesregelung ihre Finanzbudgets aufstocken, um die Ausfälle zu kompensieren.

Eine Korrektur der jetzigen Rechtslage würde sowohl dem Naturschutz, den Studenten wie auch den Besuchern der Nationalen Naturlandschaften helfen.

 

Martin Kremer, ehrenamtlicher Geschäftsführer

Praktikanten bei der Landschaftspflege

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